Ein informierter Fahrer

Mit den Methoden von gestern den Fahrer von morgen finden

Wer sich heute bei Ihnen bewirbt — wenn sich überhaupt jemand bewirbt —, hat sich vorher informiert. Er liest Arbeitgeberbewertungen und die Kommentare in den sozialen Kanälen, und er liest sie nicht oberflächlich, sondern sehr genau.

Denn wer überhaupt bereit ist zu wechseln, begibt sich auf dünnes Eis. In der Probezeit genügen zwei Wochen, für beide Seiten. Und wird es Jahre später betriebsbedingt eng, gehört die Betriebszugehörigkeit zu den vier Kriterien der Sozialauswahl. Wer zuletzt gekommen ist, geht zuerst.

Er vergleicht die Betriebe, bevor er sich entscheidet. Deshalb entscheidet, was andere über Sie schreiben — und nicht, welche Lkw-Marke bei Ihnen im Hof steht.

Darauf antwortet die Branche seit Jahren mit denselben Schlagzeilen. Wochenende zuhause. Doppelte Spesen. Die Touren aussuchen, mitreden dürfen.

Gelogen ist das selten. Nur unterliegt jeder Unternehmer den Anforderungen seiner Kunden. Manches lässt sich verschieben, manches tauschen — die kundenspezifischen Kriterien bleiben. Bei der Tourenauswahl kann der Fahrer deshalb kaum mitreden, so ernst das im Bewerbungsgespräch auch gemeint war.

Was bleibt, ist ein enttäuschter Fahrer, der sich wieder umsieht. Die Fahrer reden miteinander. Wer an der Rampe einen guten Ruf hat, ist jeder Anzeige im Netz um Längen voraus.

Eine neue Stellenanzeige ändert daran nichts, ein paar hundert Euro mehr auch nicht, und die Kampagne mit dem Lkw im Sonnenuntergang schon gar nicht. Dann beginnt derselbe Zyklus von vorn. Dieselbe Anzeige, ein zweites oder drittes Mal geschaltet, fällt jedem auf, der sucht.

Ich sehe das von der anderen Seite

Ich bin der externe Fahrer, den Sie buchen können, wenn bei Ihnen jemand ausfällt, und ich stehe jede Woche in einem anderen Betrieb. Man braucht keine zwanzig Minuten, um zu merken, wie dort mit Fahrern umgegangen wird. Ob jemand zuhört oder abfertigt. Ob man mich beim Namen nennt oder „den Fahrer“ ruft.

Das ist kein weicher Faktor. Für jemanden, der zwischen Angeboten wählen kann, ist es das Entscheidungskriterium — weil die Bezahlung sich ohnehin ähnelt.

Zwei Generationen, zwei Erwartungen

Ein Fahrer, der seit dreißig Jahren unterwegs ist, will seine Tour, saubere Papiere und ansonsten in Ruhe gelassen werden. Er fragt nicht nach, weil er die Antwort meistens selbst kennt. Wenn ihm etwas nicht passt, merkt man das an anderen Dingen, aber nicht an einer Frage.

Jemand, der den Führerschein gerade gemacht hat, fragt und ist generell interessiert. Warum erst Hamburg und dann Bremen, warum diese Reihenfolge, warum dieses Zeitfenster. Das ist kein Zweifel an der Disposition. Er ist es aus jedem anderen Bereich seines Lebens gewohnt, dass ihm Dinge erklärt werden, und er überträgt das auf seinen Beruf.

Beides ist legitim. Nur wird die Frage am Telefon leicht als Widerspruch gehört, besonders am Montagmorgen. Dabei dauert die Antwort dreißig Sekunden.

Der Betrieb, der nur die erste Sorte bedienen kann, verliert die zweite. Und die zweite ist die, die in zehn Jahren noch fährt. Denn bis dahin fährt der Lkw nicht von allein — bis ein Fahrzeug nachts ohne Fahrer auf einen fremden Hof rollt, dort rangiert, die Papiere klärt und auf den Stapler wartet, fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter.

Und ja, die Zeit fehlt

Der Disponent hat vierzig Touren, zwei Krankmeldungen und keinen Kopf für Generationenfragen. Das ist keine Ausrede, das ist der Alltag, und ich sehe ihn jede Woche. Wer kurz angebunden ist, hat meistens einen Grund dafür, und Händchenhalten steht in keiner Stellenbeschreibung.

Nur ist das „mach einfach deinen Job“ ohne ein Wort dazu einer der häufigsten Gründe, aus denen Fahrer wechseln. Nicht der lauteste, aber einer der beständigsten. Die Zusammenarbeit gerät ins Hintertreffen, lange bevor jemand kündigt.

Und die verfügbare Zeit wird nicht mehr, wenn der Fahrer dann geht. Sie wird weniger. Ein unbesetzter Platz kostet mehr Dispositionsaufwand als jede Antwort, die ihn verhindert hätte.

Was nichts kostet

Der Fahrer und der Disponent stehen nicht auf verschiedenen Seiten. Sie versuchen denselben Tag zum Laufen zu bringen, gegen dieselbe Uhr und für denselben Kunden — jeder auf seine eigene Weise. Das geht gemeinsam besser als nebeneinander her, und es ist wichtig — oft schlicht produktiver —, das gelegentlich auch so zu vermitteln.

Was sich geändert hat, ist die Ausgangslage. Vor einigen Jahren noch hat ein Fahrer manches geschluckt, weil hinter ihm jemand wartete. Das ist heute nicht mehr der Fall: Es wartet dort niemand mehr. Er findet innerhalb kurzer Zeit etwas anderes, und dessen ist er sich bewusst. Der Fahrer war schon immer ein wichtiger Teil der Logistik, deswegen sollten Sie Ihre Fahrer mitnehmen, manchmal bei der Tourenplanung oder bei der Fahrzeugbestellung. Binden Sie sie in die Prozesse ein und zeigen Sie Ihre Wertschätzung. Das wird Ihnen im Gegenzug Loyalität bescheren und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wachsen lassen. Und das Faszinierende daran ist: Es kostet Sie nicht einen müden Euro.

Fragen Sie deshalb nicht, warum sich niemand bewirbt. Fragen Sie den Nächsten, der bei Ihnen kündigt, wohin er geht — und ob er dort mehr verdient oder nur anders behandelt wird.

Die Antwort haben Sie in fünf Minuten. Sie ist direkter als jede Bewertung, die über Sie geschrieben wurde.

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