{"id":332,"date":"2026-08-24T10:11:04","date_gmt":"2026-08-24T08:11:04","guid":{"rendered":"https:\/\/ifrex.net\/blog\/?p=332"},"modified":"2026-08-24T10:11:04","modified_gmt":"2026-08-24T08:11:04","slug":"diesel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ifrex.net\/blog\/diesel\/","title":{"rendered":"2,47 Euro der Liter. Und Berlin schaut zu."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer in dieser Woche getankt hat, kennt die Zahl: 2,47 Euro f\u00fcr den Liter Diesel, an mancher Station abseits der Autobahn auch mehr. Der bundesweite Schnitt liegt aktuell bei rund 2,20 Euro, aber das ist der Trost eines Statistikers, nicht eines Fuhrparkleiters. Was an der Zapfs\u00e4ule tats\u00e4chlich abgebucht wird, ist die Zahl, die z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und diese Zahl ist kein Ausrutscher. 2026 ist ein Jahr, in dem der Dieselpreis Achterbahn f\u00e4hrt \u2013 und in dem sich die Politik beim Zusehen wohler f\u00fchlt als beim Handeln.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Krieg, der jeden Kilometer teurer macht<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit Ende Februar bestimmt der Krieg zwischen den USA und dem Iran die \u00d6lm\u00e4rkte. Die Stra\u00dfe von Hormus, durch die t\u00e4glich rund ein F\u00fcnftel der weltweiten \u00d6lmenge verschifft wird, ist seither faktisch blockiert. Brent-Roh\u00f6l schoss innerhalb weniger Wochen von rund 70 auf \u00fcber 120 Dollar je Barrel \u2013 der h\u00f6chste Stand seit Mitte 2022. Im April kratzte der Dieselpreis in Deutschland an seinem bisherigen Rekord.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Juni sah es kurz nach Entspannung aus. Erste Verhandlungssignale zwischen Washington und Teheran lie\u00dfen den \u00d6lpreis fallen, Diesel war zeitweise sogar g\u00fcnstiger als vor Kriegsbeginn. Es hielt nicht lange. Seit Juli eskaliert der Konflikt erneut, die Blockade der Meerenge h\u00e4lt an, und US-Pr\u00e4sident Trump droht inzwischen offen damit, sie zu amerikanischem Territorium zu erkl\u00e4ren. Der \u00d6lpreis zieht seither wieder an \u2013 und mit ihm der Diesel an jeder Tankstelle im Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist die eine H\u00e4lfte der Geschichte: eine geopolitische Krise, auf die niemand in Berlin direkten Einfluss hat.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was unabh\u00e4ngig vom \u00d6lpreis in jedem Liter steckt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die andere H\u00e4lfte schon. Von den gut zwei Euro, die Sie pro Liter zahlen, sind 47 Cent Energiesteuer \u2013 gesetzlich festgelegt, unabh\u00e4ngig vom Weltmarktpreis. Dazu kommt der CO2-Preis nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz: 2026 bewegt er sich in einem Korridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne CO2, was rund 17,5 bis 20,6 Cent auf den Liter Diesel aufschl\u00e4gt. Ab 2027 oder 2028, wenn der europ\u00e4ische Emissionshandel ETS 2 das deutsche System abl\u00f6st, entsteht der Preis am Markt statt in einem politischen Korridor \u2013 Fachleute rechnen danach mit einem deutlich st\u00e4rkeren Anstieg. <br>Wer im Fernverkehr unterwegs ist, zahlt obendrauf die Maut, die seit Ende 2023 ebenfalls eine CO2-Komponente enth\u00e4lt. Und auf den gesamten Betrag \u2013 Kraftstoff, Energiesteuer und CO2-Preis zusammen \u2013 kommen noch einmal 19 Prozent Mehrwertsteuer. Die holt sich ein Unternehmen sp\u00e4ter als Vorsteuer zur\u00fcck, muss sie an der Zapfs\u00e4ule aber erst einmal vorstrecken. Bei Dieselrechnungen im vier- oder f\u00fcnfstelligen Bereich pro Monat ist das keine Kleinigkeit, sondern ein wahres Liquidit\u00e4tsproblem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Summe w\u00e4chst jedes Jahr ein St\u00fcck, ganz gleich, was in Hormus passiert. Sie ist der einzige Teil des Dieselpreises, \u00fcber den Berlin komplett selbst entscheidet \u2013 und der einzige, an dem bislang nichts ge\u00e4ndert wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was das f\u00fcr die Kalkulation bedeutet<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bundesverband G\u00fcterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) hat es vorgerechnet: Seit Kriegsbeginn ist der Dieselpreis um rund 40 Cent je Liter gestiegen. Bei 10.000 Kilometern im Monat und 30 Litern auf 100 Kilometer sind das etwa 1.200 Euro Mehrkosten pro Lkw und Monat \u2013 bei einer Flotte von 50 Fahrzeugen \u00fcber 700.000 Euro im Jahr. Kleinere Unternehmer berichten inzwischen von Dieselrechnungen \u00fcber 1.000 Euro pro Woche und Fahrzeug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Folge ist eine Insolvenzwelle, die den Verkehrs- und Lagereisektor derzeit besonders hart trifft. Im April haben sechs Branchenverb\u00e4nde gemeinsam einen Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz geschickt, in Leipzig zogen Speditionen mit einem Lkw-Konvoi durch die Stadt, und die IHK stellte fest, dass der Bundesregierung die dringend n\u00f6tige Strukturreform weiterhin fehlt. Die Antwort aus Berlin lie\u00df trotzdem auf sich warten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was auf dem Spiel steht<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was dabei oft untergeht, wissen die meisten trotzdem: Ohne Lkw kein volles Regal, kein Nachschub ins Lager oder p\u00fcnktliche Anlieferung \u2013 ganz gleich, in welcher Branche. Der Lkw ist der Garant daf\u00fcr, dass Lager- und Regalbest\u00e4nde gesichert bleiben, und bis heute das einzige Mittel, das die Wirtschaft fl\u00e4chendeckend am Laufen h\u00e4lt. Genau diesen Sektor belastet die Politik weiter, statt ihn zu entlasten, und zwingt ihn damit St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in die Knie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt Entlastung zu schaffen, schaut man zu, wie ein Transportunternehmen nach dem anderen die Segel streicht. Und die Unt\u00e4tigkeit kostet nicht nur Arbeitspl\u00e4tze im Verkehrsgewerbe selbst. Jede Spedition, die aufgibt, rei\u00dft Zulieferer, Kunden und ganze Lieferketten mit \u2013 die Welle schl\u00e4gt weit \u00fcber den Sektor hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gebraucht wird eine echte, zeitnahe L\u00f6sung. Kein weiteres rhetorisches Lippenbekenntnis.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was die Politik getan hat \u2013 und was sie bis heute nicht getan hat<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz unt\u00e4tig war Berlin nicht. Nur eben nicht f\u00fcr den Verkehrssektor. Was tats\u00e4chlich passiert ist: ein Zwei-Monats-Rabatt auf die Energiesteuer, rund 17 Cent brutto je Liter, f\u00fcr alle Autofahrer gleicherma\u00dfen, als Reaktion auf den Kriegsausbruch. Nach acht Wochen lief er aus. Seither ist nichts mehr gekommen, das den Preis auch nur um einen Cent senkt. F\u00fcr niemanden. F\u00fcr Speditionen erst recht nicht. Seit April d\u00fcrfen Tankstellen ihre Preise zudem nur noch einmal t\u00e4glich anheben, um 12 Uhr mittags, nach \u00f6sterreichischem Vorbild. Das ist Transparenz, keine Entlastung. Sie wissen jetzt genau, wann der Liter teurer wird. Bezahlen m\u00fcssen Sie trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die einzige Ma\u00dfnahme, die tats\u00e4chlich f\u00fcr den Verkehrssektor gedacht w\u00e4re, ist bis heute nicht mehr als eine Forderung geblieben: der Gewerbediesel, eine dauerhafte Absenkung der Energiesteuer auf gewerblich genutzten Diesel, liegt seit dem Ende des Tankrabatts auf dem Tisch \u2013 gefordert von BGL und bdo, inzwischen auch vom S\u00e4chsischen Handwerkstag. Beschlossen ist bis heute: nichts. Eine Aussetzung der CO2-Komponente wurde im Fr\u00fchjahr, auf dem H\u00f6hepunkt der Preisexplosion, kurz diskutiert und dann leise fallen gelassen. Und das im Klimaschutzprogramm versprochene Klimageld sollte genau das abfedern. Dabei ist es kein Geschenk des Staates, sondern die R\u00fcckgabe von Geld, das \u00fcber die CO2-Bepreisung l\u00e4ngst bei jedem Tanken und Heizen eingesammelt wird. Versprochen war es f\u00fcr 2024. Zwei Jahre sp\u00e4ter ist noch immer kein Cent geflossen \u2013 nicht, weil das Geld fehlt, sondern weil es l\u00e4ngst in andere F\u00f6rdert\u00f6pfe des Klima- und Transformationsfonds umgeleitet wurde. Man kann ein Versprechen auch einfach aussitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitten in diese Preiskrise hinein hat das Verkehrsministerium zudem noch die F\u00fchrung gewechselt. Die ersten Wochen des neuen Ministers drehen sich vor allem um Br\u00fccken, Schienennetz und Trassenpreise \u2013 wichtige Themen, keine Frage. Nur n\u00fctzt eine sanierte Br\u00fccke niemandem, wenn die Spedition, die morgen dar\u00fcberfahren sollte, heute schon aufgegeben hat. Infrastruktur ohne Verkehr ist Selbstzweck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Macht man die Bilanz auf, bleibt f\u00fcr den Verkehrssektor genau eine konkrete Entscheidung der Bundesregierung: eine Uhrzeit, zu der Tankstellen ihre Preise erh\u00f6hen d\u00fcrfen. Mehr nicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was anderswo m\u00f6glich ist<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andere L\u00e4nder zeigen, dass es geht \u2013 und zwar nicht als Sonderprogramm f\u00fcr eine Branche, sondern als Entlastung f\u00fcr alle auf einmal. Polen hat die Mehrwertsteuer gesenkt, die Energiesteuer auf das EU-Mindestniveau reduziert und die Preise gedeckelt. Der Nettopreis f\u00fcr Diesel liegt dort inzwischen rund 29 Cent unter dem deutschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schweden ist das deutlichere Beispiel, weil dort gezielt der gesamte Sommer abgedeckt wird. Seit dem 1. Juli und noch bis zum 30. November gilt eine Steuersenkung auf Benzin und Diesel: Die CO2-Steuer sinkt um 2,40 Kronen je Liter, an der Zapfs\u00e4ule macht das inklusive Mehrwertsteuer rund 27 Cent pro Liter aus. F\u00fcr 2026 hat Stockholm zus\u00e4tzlich die regul\u00e4re Inflationsanpassung der Kraftstoffsteuer ganz ausgesetzt. Finanzministerin Elisabeth Svantesson begr\u00fcndete das rund 1,6 Milliarden Euro schwere Gesamtpaket damit, dass Privathaushalte und besonders betroffene Branchen gleicherma\u00dfen durch die Krise kommen sollen \u2013 dazu geh\u00f6ren neben der Kraftstoffsteuer auch Hilfen f\u00fcr Landwirtschaft, Luftfahrt und einen g\u00fcnstigeren \u00f6ffentlichen Nahverkehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der entscheidende Unterschied zu Deutschland liegt nicht im Betrag, sondern im Prinzip. Schweden hat nicht auf eine L\u00f6sung speziell f\u00fcr Speditionen gewartet und auch keine eigene f\u00fcr Urlauber gebastelt. Eine Steuersenkung, automatisch, ohne Antrag, genau in dem Zeitraum, in dem Berufsverkehr und Urlaubsverkehr gleichzeitig am gr\u00f6\u00dften sind. Wer mit dem Auto nach Schweden f\u00e4hrt, tankt zum selben gesenkten Preis wie der Spediteur, der durchs Land f\u00e4hrt. Das ist der Unterschied zwischen einer Regierung, die eine Krise als Krise f\u00fcr alle behandelt \u2013 und einer, die wartet, bis genug Lkw vor dem Kanzleramt stehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Unterschied zwischen Zusehen und Handeln<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich tanke jede Woche f\u00fcr ein anderes Unternehmen, an einer anderen Rampe, mit einer anderen Tankkarte. Was sich dabei nicht \u00e4ndert, ist der Blick auf die Anzeige an der Zapfs\u00e4ule. Der \u00d6lpreis schwankt, das war schon immer so und wird so bleiben. Die 47 Cent Energiesteuer und die CO2-Komponente schwanken nicht. Sie steigen, Jahr f\u00fcr Jahr, unabh\u00e4ngig davon, ob in Hormus gerade Waffenruhe herrscht oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber den \u00d6lpreis entscheidet die Bundesregierung nicht. \u00dcber das, was der Staat selbst an jedem Liter verdient, schon. Schweden hat diese Entscheidung zweimal getroffen, seit der Krieg begann. Deutschland hat in derselben Zeit eine Uhrzeit festgelegt. F\u00fcr den Rest fehlt bis heute nicht das Konzept. Es fehlt der Wille.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und die Zeit daf\u00fcr l\u00e4uft. Jede Woche ohne Entscheidung ist eine weitere Woche in einer Insolvenzwelle, die l\u00e4ngst l\u00e4uft. Wenn das so weitergeht, wird die Frage bald nicht mehr sein, ob der Lkw noch bezahlbar bleibt \u2013 sondern ob genug davon \u00fcbrig sind, wenn die Wirtschaft sie wieder braucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Sinne w\u00fcnsche ich eine ertr\u00e4gliche Woche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in dieser Woche getankt hat, kennt die Zahl: 2,47 Euro f\u00fcr den Liter Diesel, an mancher Station abseits der Autobahn auch mehr. Der bundesweite Schnitt liegt aktuell bei rund 2,20 Euro, aber das ist der Trost eines Statistikers, nicht eines Fuhrparkleiters. 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